Im Rahmen eines zweitägigen Workshops beschäftigten sich rund 20 junge Aktive der deutschen Minderheit in Usbekistan mit der Kultur und Geschichte der Wolgadeutschen sowie mit modernen Formen der Vermittlung historischer und kultureller Themen. Das Seminar fand 12.-14. Juli im Deutschen Haus in Taschkent statt.
Die Teilnehmenden kamen aus verschiedenen Begegnungsstätten der deutschen Minderheit aus dem ganzen Land, darunter Taschkent, Samarkand, Buchara und Fergana. Einige Interessierte nahmen zusätzlich online am Workshop teil. Die Veranstaltung richtete sich insbesondere an junge Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die in den Verbänden und Begegnungsstätten aktiv sind und künftig selbst kulturelle Bildungsangebote gestalten möchten.

Als Referent führte Edwin Warkentin (Kulturreferat für Russlanddeutsche am Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold) durch das Programm und vermittelte in mehreren inhaltlichen Einheiten grundlegende Kenntnisse zur Geschichte und Kultur der Wolgadeutschen. Dabei standen nicht nur historische Fakten im Mittelpunkt, sondern vor allem die Frage, wie sich kulturelle Identität durch gemeinsame historische Erfahrungen entwickelt und wie diese Erfahrungen heute vermittelt werden können. „Erinnerungskultur entsteht aus gemeinsamen Erfahrungen und kollektiven Erlebnissen“ so Edwin Warkentin.
Die Vorträge behandelten unter anderem die Entstehung der wolgadeutschen Gemeinschaft, die Bedeutung der Wolgarepublik, die Folgen von Deportation und Entrechtung, die Bewegung „Wiedergeburt“ sowie den historischen Zusammenhang der Aussiedlung der Russlanddeutschen nach Deutschland. Ergänzend wurden literarische Beispiele und Aspekte der Erinnerungskultur einbezogen.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Auseinandersetzung mit der Frage, wie Geschichte und Kultur jenseits vereinfachender Klischees vermittelt werden können. Die Teilnehmenden setzten sich damit auseinander, dass die Kultur der Wolgadeutschen nicht nur durch Traditionen, Folklore oder vermeintliche „deutsche Tugenden“ geprägt ist, sondern vor allem durch eine komplexe historische Entwicklung und gemeinsame Erfahrungen. Das kollektiv Erlebte macht die Angehörigen der deutschen Gemeinschaft in Usbekistan zu einer einzigartigen Gruppe von Deutschen in Zentralasien.

Die Nachmittage waren praktischen Arbeitsphasen gewidmet. In Diskussionen und Gruppenarbeiten entwickelten die Teilnehmenden eigene Ideen, wie Themen der russlanddeutschen Geschichte und Kultur in den Begegnungsstätten sichtbarer gemacht und insbesondere jüngere Generationen erreicht werden können.
Dabei entstanden zahlreiche Vorschläge für moderne Vermittlungsformate, darunter:
• Podcasts zu historischen und kulturellen Themen,
• Rollenspiele zur Vermittlung historischer Situationen,
• Brettspiele mit Bezug zur Geschichte der Russlanddeutschen,
• Merchandise-Produkte zur Stärkung der Sichtbarkeit,
• Escape-Games mit historischen Inhalten.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickelten dabei ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass die Beschäftigung mit kulturhistorischen Fragen eine tiefere und vielfältigere Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft ermöglicht. Geschichte wurde nicht nur als Vergangenheit verstanden, sondern als Grundlage für Identität, Gemeinschaft und kulturelle Gestaltung in der Gegenwart.
Ein zentrales Ergebnis des Workshops war die Erkenntnis, dass historische Themen besonders dann Interesse wecken können, wenn sie in zeitgemäßen und kreativen Formaten vermittelt werden. Auf diese Weise können sowohl junge Menschen der nächsten Generation als auch die breitere Öffentlichkeit für die Kultur und Geschichte der Russlanddeutschen sensibilisiert werden.

Der Workshop hat damit einen wichtigen Beitrag geleistet, junge Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu stärken und sie zu motivieren, die Geschichte und das kulturelle Erbe der Deutschen in Usbekistan aktiv weiterzugeben und sichtbar zu machen.
Das Angebot war eine Kooperation der Wiedergeburt Usbekistan, dem Kulturreferat für Russlanddeutsche sowie dem JSDR e.V. Das Projekt wurde im Rahmen der Hilfenpolitik der Bundesregierung vom Bundesinnenministerium finanziert.
